Konsistenz einer Erzählung

abstract: Konsistenz verlangt, in meiner Interpretation der Aussage von Kafka, dass Fakten, die erzählt werden, sich nicht innerhalb einer Erzählung widersprechen

Die Welt einer Erzählung muss konsisten sein

Begriffe: [Erzählung, Leser_T] -> [Konsistenz, Widerspruch, Ontologie(in einem Text), Theory of mind, Ebenen der Konsistenz, schrittweise Prüfung]

In einer Erzählung wird eine Welt geschaffen, ohne Anspruch auf eine pragmatische Wirkung, das heisst auch, ohne Anspruch auf Übereinstimmung mit irgend einer realen Weltsituation. Die erzählte Welt muss innere Wahrheit haben, das heisst, konsistent sein.

Konsistenz verlangt, in meiner Interpretation der Aussage von Kafka, dass Fakten, die erzählt werden, sich nicht innerhalb einer Erzählung widersprechen1.

Eine Erzählung schafft eine Welt

Jede Erzählung beschreibt eine Welt, wie sie sich der Schreiber und dann der Leser vorstellt; es wird nicht vorausgesetzt, dass die Vortellungen des Schreibers und der Leser übereinstimmen. Berühmt ist die Welt von Manns Budenbrooks, Prousts Combray, oder Joyces Dublin aber auch die ver-rückte Welt von Douglas Adams Hitchhiker's Guide to the Galaxy

Für die Beurteilung einer Erzählung sind kontra-faktische, d.h. nicht mit der allgemeinen Realität übereinstimmende Fakten unerheblich und führen nicht zum logischen Kollaps, sondern jede Erzählung hat ihre eigene Regeln. Das wird besonders deutlich in Science Fiction, Märchen, Cartoons etc. die Welten beschreiben, in denen andere, aber dennoch bestimmte, Regeln gelten, die von der gewöhnlichen Lebenserfahrung abweicht.

Diese Regel muss eng interpretiert werden: keine Widersprüche mit Aussagen, die in der Erzählung gemacht wurden, oder die durch andere Hinweise als gültig postuliert worden sind. Nicht jeder Widerpruch zur allgemeinen Lebenserfahrung, den Gesetzen der Physik etc. etc. zerstört die Konsistenz einer Geschichte, nur "innere Widersprüche" müssen vermieden werden; äussere Widersprüche, d.h. Widersprüche mit der realen Welt, sind erlaubt.

Geschichten und Erzählungen

Peter Handke [@handke1967hausierer] hat eine Geschichte erklärt als:

Die Mordgeschichte beginnt wie alle Geschichten als die Fortsetzung einer anderen Geschichte.

Geschichten sind Fortsetzungen von Geschichten; jede Geschichte hat eine Vorgeschichte.

Eine Geschichte ist nicht selbständig und hat eine Vorgeschichte; beispielsweise ist eine Geschichte, wie sie am Stammtisch erzählt wird, unverständlich, wenn der Zuhörer die Vorgeschichte nicht kennen würde:

Weisst du, was ich gestern erlebt habe? ...

Für einen Zuhörer, der den Sprecher (und seine Frau, Kinder, Auto etc.) nicht kennt, wohl unverständlich. Am Stammtisch kennt man sich und kennt die Vorgeschichte -- und vielleicht mehr davon, als dem Sprechenden lieb ist.

Eine Erzählung hat keine Vorgeschichte

Eine Erzählung ist --- hier so definiert --- ohne Vorgeschichte. aufgefasst. Ich will eine Erzählung als von einer Geschichte unterschieden definieren indem eine Erzählung keine Vorgeschichte hat. Eine Erzählung steht für sich allein

Eine Erzählung ist allein für sich verständlich und setzt nichts voraus. Ein klassischer Roman ist eine Erzählung, ein Märchen ist eine Erzählung: sie fängt mit nichts an

C'era una volta un Re,

nichts ist über seine Vorgeschichte bekannt, alles was nötig ist, wird in der Erzählung erklärt, indem angefügt wird:

... der hatte eine einzige Tochter....

Konsistenz einer Erzählung kann geprüft werden

Weil Erzählungen keine Vorgeschichte haben, kann für Erzählungen die Konsistenz für einen Standardleser, der keine besonderes Wissen über den Kontext der Erzählung hat, bestimmt werden.

Ontologie einer Erzählung

In der Welt einer Erzählung gelten Gesetzmässigkeiten, die notwendig sind, damit Leser die Erzählung verstehen können. Ich werde im folgenden die Gesetze, die in der Welt einer Erzählung gelten, als Ontologie der Erzählung bezeichnen2.

Die Gesetzmässigkeiten in einer Fabel- oder Märchenwelt weichen von der allgemeinen Ontologie, wie Menschen sie aus der täglichen Erfahrung ableiten.

Die formale Beschreibung der Regeln alltäglichen Erfahrung ist ein aktives Forschungsgebiet im grossen Feld der künstlichen Intelligenz. Formalisiert sind, z.B., die Regeln denen feste, materielle Objekte folgen, oder Regeln für Flüssigkeiten [@Hayes1985a]oder für immaterielle Objekte, wie Schatten [@casati2007shadows].

Notiert sind die Regeln der Welt in Cartoons, die offensichtlich nicht mit der täglichen Erfahrung übereinstimmen, aber an der Komik der Geschichten - und ihrer erzieherischen Wirkung - keinen Abbruch tun (siehe Anhang cartoon Laws). Die Welt der Märchen und Fabeln unterliegen andern Gesetzen: Zauberer können manches (aber bei weitem nicht alles!). In den Welten, die in Science Fiction beschrieben werden, gelingt z.B. Teleporting leicht und stört die Logik der Handlung nicht.

Eine Untersuchung der Ontologie von Märchen, d.h. was können z.B. Zauberer und was können sie nicht, ist mir nicht bekannt. Ein Versuch, die Theorien von Propp[@lendvai2010integration] für die Generation von Märchen zu nutzen, enthält ein Teil einer entsprechenden Ontology[@peinado2004description, @lendvai2010integration] aber diese Ontologien wollen das Schema der Handlung in der Propp'schen Klassierung und nicht die intrinsische Ontologie der Welt des untersuchten Märchens einfangen.

Theory of mind als Teil einer Ontologie

Zur Ontologie einer Erzählung gehört möglicherweise auch die Theory of mind3, die die Konstruktion des Menschen, seinem Denken, Emotionen und Erinnerungen erklärt. Die Theory of mind ist kulturabhängig und in einer Erzählung reflektiert die Darstellung der Personen die theory of mind, die der Autor anwendet.

Ein westlicher Mensch ist beispielsweise anders verstanden als ein islamischer4; der Westler hat ein Konzept von time is money[Benjamin Franklin], der islamische Mensch folgt einem Prinzip inschallah (arabisch: so Gott will): eine geplante Aktion wird realisiert, sofern es geht. Bellei diskutiert in Detail inkonsistenzen im Werk eines Authors -- John Barth -- die aus seiner Theory of mind folgen [@bellei1978dynamics].

Als Illustration:

Camilleri: Sizillien

In La concecssione del telefono habe ich einen kurzen Dialog gefunden, der eine sizillianische ToM darstellt:

Nach einem längeren Dialog, der den relativensozialen Status des Commendatore (hoch) und des Cavaliere (niedriger) festlegt, teilt der Commendatore dem Cavaliere mit, dass ein Freund des Commendatore, auf seine Bitte, dem Sohn des Cavaliere eine Anstellung in einer Bank verschaffen wird. Der Cavaliere ist dankbar, geht in die Knie um dem Commendatore die Hand zu küssen:

No so come ringraziarla, come sdebbitarmi! Qualsisiasi cosa, sono a sua totale disposizione!

Daraufhin erwähnt der Commendatore bei der Verabschiedung, dass ein Dritter den Cavaliere um die Erlaubnis, auf seinem Land Telefonstangen aufzustellen, bitten wird.

Ma non c'è nisciun problema! ...

Invece il problema c'è.

Ah sì?

Sì.

E sarebbe?

Che questi pali, sui suoi terreni, non ci si devono mettere.

Ah no? No. Nisciun problema, commendatore! ...

So kurz und prägnant kann ich mir einen gleichartige Dialog in Deutschland nicht vorstellen.

Time is money nicht übersetzbar

In einer Situation, in der ein Arbeitgeber für meine Tage in Südamerik bezahlt hat, mich aber häufig hat warten lassen, wollte ich darauf hinweisen, dass er fuier mein Warten bezahlt und vielleicht meine Zeit besser einteilen könnte. Beim versuch, time is money ins spanische zu übersetzen, wurde mir klar, dass die Übersetzung vollständig unverständlich ist.

Mañana oder inschalah

Dazu zwei Situationen:

In romanischen Ländern wurden oft flexible Zeitbegriffe beklagt. Für eine Konferenz-Eröffnung waren verschiedene Würdenträger einzuladen, die kurze Grussworte sprechen durften. Die Schwierigkeit war, deren erwartete Verspätung - wie wichtiger die Person, umso grösser - zu antizipieren, so dass ein planmässiger Start für die englisch-sprachigen Gäste möglich war.

In einem muslimischen Land wurde ich am Flugplatz abgeholt und der Fahrer liess mich wissen, dass mein Gastgeber mich in Kürze im Hotel für ein Gespräch aufsuchen würde. Ich wartete lange im Zimmer, ärgerlich, dass ich nicht die mir unbekannte Stadt in den wenigen hellen Stunden besichtigen konnte. Der Gastgeber kam dann nach mehreren Stunden, nach Sonnenuntergang; sein Vorgesetzter hatte in ungeplant zu einem Gespräch gebeten. Meine Kollegen überzeugten mich, dass mein Ärger über den Gastgeber unbegründet sei: er hätte sich bemüht, aber es sei ihm nicht möglich gewesen, seine Verabredung mit mir, einzuhalten.

Stand der Technik

Weiters ist wohl vernünftig, der Ontologie auch den jeweiligen Stand der Technik zuzurechnen, die z.B. festlegt, wieviel Zeit für die Übermittlung einer Nachricht notwendig ist, welche Transportmittel verfügbar sind, etc..

Formale Ontologie

Wird eine Ontologie formal notiert, so werden üblicherweise folgende Komponenten unterschieden:

Eine Ontologie beschreibt Eigenschaften von Wörtern5 und besteht grob aus drei Teilen:

Ontologien werden häufig zum Erreichen von Konsistenz in Programmier-Projekten eingesetzt; dabei erfolgt häufig eine Vermischung der Beschreibung der im Projekt verwendeten Wörter (als Zeichenketten) mit dem mit den Wörtern von den beteiligten gemeinten Vorstellungen, bzw. Dingen in der realen Welt. Eine Untersuchung von Ontologien, wie sie in einem Text verwendet werden, entgeht diesem Problem, da ausserhalb des Textes keine Realität existiert!

Nicht-Alltags-Ontologien

In literarischen Texten gelten im wesentlichen die gleichen Regeln, die wir aus der täglichen Erfahrung mit der realen Welt gewinnen, Abweichungen sind aber möglich, müssen aber auf wenige, spezifische Regeln beschränkt sein, damit die Erzählung verständlich bleibt.

In Märchen und Fabeln, finden sich

In Science-Fiction Texten gelten manche der üblichen Beschränkungen der Physik nicht: Teleporting (Ortsveränderung ohne Zeitverzug) und Zeitreisen, etc.

In manchen scheinbar normalen Texten finden sich subtile Abweichungen von der Normalität (z.B. in Brautigan The Hawklin Monster )

Trennung von verschiedenen Ontologien

Menschen können die Welten, die uns in Erzählungen vorgestellt werden ausserordentlich gut von unserer alltäglichen Realität unterscheiden. Genau so wenig wie wir kaum je Erlebnisse in einem Traum mit realem Erlebtem vermischen, vermischen wir die in Erzählungen geschaffene Welten mit der realen Welt. Das eine Erzählung eine eigene, kontra-faktische Ontologie benutzt nimmt ihr nicht die "innere Wahrheit", solange nicht Widersprüche innerhalb dieser Ontologie auftauchen.6


  1. Nach den üblichen Regeln der Logik folgt aus zwei widersprüchlichen Sätzen jede beliebige Aussage. "ex contradictione sequitur quodlibet (lat., aus einem Widerspruch folgt Beliebiges)." in Wikipedia.↩︎

  2. Ein griechischer Neologismus: in der Philosophie die Lehre vom Sein[^wikionto], ungefähr gleichbedeutend mit Metaphysik; in der Informatik als formalisierte Beschreibung der Vorstellung der Realität, die einem IT Projekt zugrunde liegt [@gruber1995toward].↩︎

  3. Ich verwende den Begriff der theory of mind, übersetzt als Theorie des Mentalen, nicht im üblichen psychologischen Sinne, sondern als die Vorstellung des Autors (oder Leser) eines Textes über die kognitiven Fähigkeiten (engl. faculties) des Menschen.↩︎

  4. Es ist nicht vorausgesetzt, dass Menschen verschieden sind sondern nur, dass sie mit ihren Fähigkeiten[@Johnson1993] zu beobachten, zu planen und zu handeln, in der Erzählung vom Autor verschieden dargestellt werden.↩︎

  5. Ontologien sind Texte, die das Vervältnis von Wörtern beschreiben. Philosophen versuchen die Eigenschaften von realen Dingen (nicht unserer Beobachtungen von Dingen) und Verhältnisse zwischen ihnen (wiederum nicht unsere Beobachtungen und Interpretationen). Manche nehmen dann auch an, dass sie wüssten, wie die Welt ist - bzw. dass ich es nicht wüsste: Andrew, that is not the way the world is!↩︎

  6. Erzählungen, aber besonders Filme, versuchen immer wieder Beschreibungen von Welten, in denen Zeitreisen oder wiederholung der Zeit (zum Beispiel im bekannten Film "Täglich grüsst das Murmeltier") möglich sind. Diese Versuche eine Ontologie mit Zeitreisen führen aber meines Erachtens immer auf inneren Widersprüchen: warum erinnert sich eine Person (die Hauptperson) an den vorherigen Ablauf und kann den Ablauf ändern, die andern Personen aber nicht? Warum kann eine Person in der Zeit zurückreisen und den Ablauf verändern, z.B. so, dass diese Person gar nicht geboren wird, und darum nicht in der Zeit zurückreisen kann, um den Ablauf zu ändern.↩︎

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