Regel-Poetik des Erzählens

abstract: Was ist eine Poetik? Wozu kann sie dienen? Wie ist Konsistenz zu beurteilen?

Eine (Regel-)Poetik des Erzählens

Motto: Wenn man nichts weiss, weiss man wiki.

Begriffe: [Text, Literatur] -> [Poetik, Dichtung]

Poetik

Eine Poetik ist die Theorie der Poesie, d.h. eine Dichtungstheorie oder Dichtungslehre. Die deutsche Wikipedia gibt dazu ein allgemeine Definition:

Die Poetik (griechisch ποιητική τέχνη „Dichtkunst“) ist die Lehre von der Dichtkunst. Das Adjektiv poetologisch bezieht sich auf die Poetik, wohingegen das Adjektiv poetisch sich meist auf die Poesie bezieht.

Als Dichtungstheorie setzt sie sich theoretisch mit dem Wesen der Dichtung, mit ihrer Wirkung, ihrem Wert, ihren Aufgaben, ihren Funktionen, ihren spezifischen Ausdrucksmitteln und ihren poetischen Gattungen auseinander. Neben Abhandlungen zur Kunsttechnik, die in erster Linie auf Fragen der Herstellung von Dichtung (Poietik) zielen, versucht die Literaturtheorie u. a., einen allgemeinen Begriff dessen zu geben, was „poetisch“ ist, d. h., Kriterien für die Poetizität von Texten zu entwickeln.1

Für die neuere Literatur interessant ist die Erklärung zur Poetik der "Romantik und Modernen":

Für die Poetik der Romantik und der Moderne ist der Gedanke der Produktivität der Einbildungskraft zentral. Im Unterschied zur strengen klassizistischen Trennung der Gattungen Lyrik, Epik, Dramatik entwickelte die Romantik auch in Einsicht der Aufhebbarkeit aller Ordnungen, die die Französische Revolution nachhaltig vor Augen geführt hatte, die Idee einer progressiven Universalpoetik.

Seit dem 19. Jahrhundert wird Poetik im Rahmen von Literaturkritik und Literaturwissenschaft betrieben. Hier konnte sich, den unterschiedlichen, formal oder inhaltlich bestimmten theoretischen Ausgangspunkten entsprechend, eine Vielzahl von Positionen ergeben. Die moderne Poetik löst sich so ab von der Nachahmungsästhetik. Sie erkennt als „erstes Gesetz“ an, „dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide“ (Friedrich Schlegel). Daneben wird die Eigenpoetik der Sprache bedeutsam, wie dies Novalis und Stéphane Mallarmé erkannt haben. Die Poetik des Futurismus bringt neue Techniken der Collage und Montage ins Spiel. Diese brechen die Kontinuität von Erzählformen auf zugunsten einer Reihung disparater Textelemente. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts spielt die Postmoderne als eine Technik des ironischen Zitierens bekannter Motive eine wichtige Rolle.[^wikiRomantik] [^wikiRomantik] wikipedia Artikel Poetik

Eine Poetik des Erzählens

Mein Erwartung ist, dass eine Poetik des Erzählens, unter anderem,Regeln für ein konsistentes Erzählen aufstellen kann. Unter Erzählen verstehe ich (minimal) "eine Geschichte zu produzieren", d.h. ein Strom von Worten in eine kommunizierbare, physische Form zu bringen. Ähnlich würde ich "dichten" (und indirekt damit "Dichtkunst") als Produktion von Literatur (d.h. Text ohne Anspruch auf Wiedergabe einer realen Situation (nonfiction_) verstehen.

Im folgenden werde ich mich meistens mit "Schreiben", d.h. der Produktion von geschriebenem Text, beschäftigen; gesprochenes Erzählen ist davon nicht grundsätzlich verschieden.

Eine präskriptive Poetik des Erzählens

Die Poetik des Erzählens ist präskriptiv, also eine Regel-Poetik. Sie definiert, was eine Erzählung ist, nämlich Texte (oder Gesagtes), welche nach diesen Regeln analysiert und beurteilt werden kann. Zu einer Regel Poetik gehören, meiner Meinung nach, Regeln über die Konsistenz der Erzählung.

Andere Regeln könnten, z.B., Sparsamkeit verlangen, d.h. dass die Erzählung nichts enthält, dass für die Erzählung (nach der Auffasung des Schreibenden) überflüssig ist; Literaturkritiker beklagen dann etwa 'ein totes Motiv'. Eine andere, bekanntere, Regel ist das Verlangen nach der Einheit von Person, Ort und Zeit im französischen Theater des 17. Jahrhunderts.

Erzählen nach dieser Auffassung ist unabhängig von der Form. Die allgemeinen Gattungsbegriffe Roman, Novelle. Märchen, Ballade oder Drama weisen meist auf eine "Erzählung" in diesem Sinne hin.2

Die Gattungsbegriffe weisen meist auf besondere Formerfordernisse hin, die aber an der generellen Idee einer Erzählung nichts ändern und wohl auf die Anforderung nach Konsistenz keinen Einfluss haben.

Freiheit des Schreibenden

Eine Regelpoetik beschränkt die Freiheit des Schreibenden, der eine "Erzählung mit innerer Wahrheit" erzeugen will; die Regeln geben die Voraussetzungen für Konsistenz an und schliessen Texte aus, die inkonsistent sind.

Ein Autor hat eine grosse Freiheit beim Gestalten einer Erzählung; er wählt eine Ausganssituation mit Ort, Zeit und Personen. Von diesem Punkt aus, muss die Erzählung konsistent entwickeln, sonst bleibt sie dem Leser unverständlich und ist, in Kafkas Worten, "ein nichts".

Pirandello hat, z.B. in Sei personaggi in cerca d'autore [@pirandellosei] dargestellt, wie die personaggi die Freiheit des Authors beschneiden - ich verstehe die Absicht der personaggi um Konsistenz, zumindest ihrer Person, im Text zu erreichen.

Die Forderung nach Konsistenz in einer Erzählung schliesst Texte aus, die aus einer zufälligen Folge von Wörtern (allenfalls nach den Regeln der Grammatik der Sprache geformt) aus. Zufällige Wörter und Sätze sind nicht wahrscheinlich konsistent, also ein nichts.

Die Freiheit des Autors hingegen bleibt grenzenlos und nur durch das Verlangen nach Konsistenz - wie immer vom Autor erklärt beschränkt. Insbesondere ist die Wahl der Regeln, nach denen Konsistenz zu beurteilen sei, ihm Überlassen.

Andere Regelpoetik

Bekannt ist die Regel von den drei Einheiten im Theater des französischen Renaissance und Barock. Sie gehen auf die aristotelische Idee, der in der Poetik [@butcher1951aristotle, Poetik Buich 5] verlangt, dass ein Drama eine Handlung die in einem Tag abläuft, darstellt. Dazu wurde von Castelvetreo eine Einheit des Ortes - die wohl eher einer Aufführungs-Ökonomie geschuldet war - zugefügt und entstand das klassische Verlangen nach Einheit [@corneill]

Im Film sind die Regeln von DOGMA 3, die Gestaltung eines Filmes beschränken, aber nicht das Thema; es wird festgelegt, wie gedreht werden soll, aber keinesfalls den Inhalt beschränkt.

In beiden Fällen werden in der Poetik Einschränkungen der Gestaltung, der Präsentation eines Themas gemacht, nicht aber Vorschriften über den Inhalt gemacht, wenn auch bestimmte Themen wohl nicht leicht mit diesen Einschränkungen dargestellt werden können.

Zusmmenfassung

Eine Erzählung muss "innere Wahrheit" haben, was ich als Konsistenz verstehe. Die Regen, nach denen Konsistenz zu beurteilen sei, ist frei und muss vom Autor gewählt werden.

Ein literarischer Text soll also Konsistent sein, wobei die Konsistenzregeln im Text selber festgelegt werden und nicht von aussen vorgegeben sind.

Die Freiheit des Autors ist unbeschränkt in der Wahl von Thema und Behandlung - es wird nur verlangt, dass keine Widersprüche innerhalb des Textes auftreten.

Konsistenz muss vom Leser beurteilt werden

Begriffe: [Text, Vorstellung, Leser] -> [Konsistenz, Standardleser]

Kafka weist darauf hin, dass Konsistenz nicht von einem Text unabhängig vom Leser, beurteilt werden kann; Konsistenz ist nicht eine Eigenschaft des Textes, die formal allein durch Analyse des Textes festgestellt werden kann, sondern ein Verstehen des Textes (oder der Simulation dieses Verstehens) muss vorausgehen und der durch den Leser gewonnene Inhalt analysiert.

Konsistenz ist nicht eine objektive Eigenschaft des Textes

Konsistenz kann nicht von einem Text unabhängig vom Leser beurteilt werden; sie ist nicht eine Eigenschaft des Textes, die formal allein durch Analyse des Textes festgestellt werden kann.

Für die Beurteilung der Konsistenz muss der Text von einem Leser gelesen und verstanden werden.

Unterschiedliche Leser beurteilen Konsistenz unterschiedlich

Konsistenz ist ein Urteil eines Lesers das sich aus dem gelesenen Text, d.h. den Vorstellungen des Lesers über den Inhalt, die er aus dem Text in Verbindung mit seinem Vorwissen gebildet hat. Unterschiedliche Leser mit unterschiedlichem Vorwissen bilden verschiedene Vorstellungen und beurteilen entsprechend Konsistenz unterschiedlich.

Einem einfachen Leser mögen Fehler in detaillierten Beschreibungen von Örtlichkeiten nicht als inkonsistent auffallen; Leser mit Kenntnissen des Ortes werden sich an den Widersprüchen stossen und allenfalls nach Gründen für die vielleicht absichtliche nicht mit der Realität übereinstimmende Darstellung im Text suchen.

Beispiel: Aichinger beschreibt in einem Text eine Fahrt mit der Badener Bahn in Wien und gibt als Fussweg eine Folge von Strassen, an, die in Wien nicht direkt miteinander verbunden sind aber im Text als solche dargestellt sind.

Definitionen für die Formalisierung verschiedener Leser, insbesondere ein Standardleser folgen im zweiten Teil.


  1. Wikipedia Artikel Poetik↩︎

  2. Beispiele: "Ritt über den Bodensee", "Eugen Onegin",↩︎

  3. (https://de.wikipedia.org/wiki/Dogma_95)↩︎

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