Poetik - Konsistenz in literarischen Texten - Einleitung

abstract: Kafka hat darauf hingewiesen, dass eine Erzählung innere Whrheit 'ein nichts ist'. Was meint er damit? Kann innere Wahrheit als Konsistenz verstanden werden und wie könnte diese geprüft werden?

Vorwort: Konsistenz in literarischen Texten

Vorwort: Motivation, Ziele.

Begriffe: [] -> [Konsistenz, Literatur, Text (im allgemeinen Sinn), Konsistenzprüfung, Leser]

Kann Konsistenz ein Merkmal von literarischen Texten sein, und wenn ja, was wäre darunter zu verstehen? Ausgehend von einer Bemerkung in einem Brief von Franz Kafka in dem einer kleinen Geschichte innere Wahrheit zugeschrieben wird, gehe ich hier der Frage nach Konsistenz in einem literarischen Text nach.

Ich interpretiere Kafkas innere Wahrheit als Konsistenz im Sinne von Logik und Datenbank-Theorie, wo Konsistenz die Absenz von Widersprüchen beschreibt.

In diesem ersten Teil werden die Grundlagen gelegt, indem zuerst der Untersuchungsgegenstand (was ist Literatur) und was bedeutet Konsistenz für einen literarischen Text. Dann wird skizziert, welche Regeln in einem konsistenten Text eingehalten werden müssen. Wesentlich ist dabei, die dem Text zugrundeliegende Ontologie --- die nicht notwendigerweise mit der täglichen Lebenserfahrung übereinstimmen muss. Der Konsistenzbegriff muss soweit gefasst sein, dass auch Märchen, Fabeln, Science Fiction und ähnliche Texte konsistenz sein können.

Im zweiten, folgenden Teil wird dann gezeigt, wie Konsistenz im operationell geprüft und allenfalls, wie Werkzeuge zur automatischen Prüfung gebaut werden könnten.

Kafkas Bemerkung in Brief an Felice Bauer vom 4./5. Dez. 1912

Aber Du kennst ja noch gar nicht Deine kleine Geschichte. Sie ist ein wenig wild und sinnlos und hätte sie nicht innere Wahrheit (was sich niemals allgemein feststellen lässt, sondern immer wieder von jedem Leser oder Hörer von neuem zugegeben oder geleugnet werden muß) sie wäre nichts.12

Ich habe den Band "Franz Kafka: Briefe an Felice" beim Erscheinen 1967 gekauft und gelesen. Diese unauffällige Stelle hat für mich, damals aber auch heute noch, etwas Wichtiges genau ausgedrückt.

Kafka weist meiner Meinung nach auf zwei wichtige Aspekte von Literatur hin:

  1. Literatur ist nicht "wahr" sondern kann höchstens "innere Wahrheit" beanspruchen; aber, so sagt Kafka, ohne "innere Wahrheit" ist sie nichts.

  2. "Innere Wahrheit" muss vom Leser zugegeben werden; es ist nicht eine Eigenschaft des Textes an sich.

Das Urteil über "innere Wahrheit" ist ein Urteil über das Verständnis des Textes durch den Leser. Es bezieht den Leser, insbesondere sein Vorwissen, ein.

Ich verstehe "innere Wahrheit" als Absenz von inneren Widersprüchen, d.h. Widersprüchen in dem - vom Leser interpretierten - Text. In der Logik wird Widerspruchsfreiheit meist mit dem Synonym "Konsistenz" bezeichnet;3 es scheint mir daher angemessen, "innere Wahrheit" in Kafkas Text als "Konsistenz" zu verstehen.

Was ich unter Literatur verstehe?

Der Gegensand dieser Untersuchung ist "Literatur". Kafkas Bemerkung bezieht sich auf eine Geschichte (spezifisch auf "das Urteil"[@kafkaUrteil]). Ich will Literatur etwa gleich wie das amerikanische non-fiction verstehen. Es soll als Sammelbegriff für all Formen von Texten, die keine reale Situation wahr darstellen wollen, gelten und im Gegensatz zu Non-Fiction, was allenfalls dem deutschen Sachbuch entspricht, stehen.

Ivanovic schlägt vor, Literatur als Texte ohne pragmatisches Ziel zu definieren4. Damit kann, im Prinzip, jeder Text der kein pragmatisches Ziel deklariert Literatur sein und mit den Mitteln der Literaturkritik analysiert werden. Verschiedene Autoren haben scheinbare Gebrauchstexte (z.B. Kochrezepte) zweckentfremdet und als literarische Produkte deklariert.

Andere Definitionen betonen den ästhetischen Aspekt, z.B. Howell [@10.2307/1519975], was mir nicht ein nützliches Unterscheidungsmerkmal scheint, da nicht objektivierbar --- beauty is in the eye of the beholder.

I think of literature as, roughly, that body of works, essentially and significantly involving the use of words, that are, or that are put forward to be, objects with esthetically relevant features.

Literarische Konsistenz

Das Zitat von Kafka verlangt nach meinem Verständnis, dass Literatur "Konsistenz" sein sollte; sonst ist sie, in Kafkas Urteil, 'nichts'.

Die Konsistenz eines literarischen Textes kann nur vom Leser beurteilt werden; es ist nicht eine Eigenschaft des Textes an sich, sondern nur in Verbindung mit einem Leser feststellbar. Eine abstrakte, objektive Beurteilung der Konsistenz muss einen durchschnittlichen Leser annehmen.5

Meine Motivation für dieses Thema

Es gab für mich mehrere Anstösse über Konsistenz in literarischen Texten nachzudenken:

Ich habe gesehen, dass für die Autoren von Filmskripten verschiedene Werkzeuge und Unterstützung existieren. Für Schriftsteller sehe ich Diskussionen und viele Werkzeuge zum Schreiben, aber die meisten beschränken sich auf die möglichst effiziente Produktion von Text, Vermeiden von Ablenkung, Grammatik etc. (z.B. @NISHIHARA20151014). Ich sehe wenig über die Entwicklung einer Handlung, wie sie für Filmskript Autoren angeboten wird und scheinbar nichts für die Prüfung von "innerer Wahrheit".

Ziel der Untersuchung

Das ferne Ziel ist wohl eine automatische Überprüfung der Konsistenz von Texten, wie das ein menschlicher Leser beim Lesen macht; ihm fällt auf, wenn die beschriebene Welt nicht "innere Wahrheit" hat. Das wird wohl auf einige Zeit nicht zu erreichen sein aber eine systematische Analyse, was Konsistenz in einer Erzählung bedeuten kann und wie sie verletzt und geprüft werden könnte, sollte wohl trotzdem nützlich sein.

Das Ziel kann aber wahrscheinlich nur teilweise erreicht werden und dabei einerseits

Mein Interesse ist vor allem das zweite -- darum der ausführliche theoretische Unterbau -- den ich aber laufend praktisch an Beispielen prüfen will8.

Die systematischen Überlegungen, die notwendig wären für das Design und die Konstruktion einer automatischen Überprüfung der Konsistenz einer Erzählung helfen, zu verstehen, was ein Leser wohl unter Konsistenz versteht -- oder besser, wann einem Leser Inkonsistenz einer Erzählung auffällt. Es sollte dabei aber auch klärenedes zur Ontologie anfallen.

Die systematische Analyse der Aufgabe ist zweigeteilt: in einem ersten Teil werden allgemeine Überlegungen zum Thema dargestellt und grundsätzliche Definitionen gegeben um dann im zweiten Teil ein Entwurf zur automatisierten Kontrolle zu skizzieren.

Wie weit kann eine automatische Prüfung der Konsistenz eines literarischen Textes gehen?

Die Fragen, die hier gestellt werden, sind:

Ich hoffe, dass es möglich ist, eine operationelle Beschreibung vorzulegen, die zeigt, mit welchen Schritten und nach welchen Regeln bestimmte Aspekte der Konsistenz geprüft werden können.

Zusammenfassung

Überlegungen zur Konsistenz als ein Aspekt literarischer Qualität kann helfen Literatur in all ihren Facetten besser zu verstehen.

Es ist nicht anzustreben, dass mit automatischen Verfahren abschliessende Urteile über literarische Qualität zu erreichen; es wird immer Autoren geben, die mit Absicht und als Teil ihres künstlerischen Planes, die Regeln verletzen. Das muss erlaubt sein, ja es muss sogar dazu ermutigt werden, um ein Absterben der Literatur -- und der Kunst im allgemeinen -- durch Beschränkung auf Wiederholen und Reproduzieren der Tradition zu vermeiden und eine Weiterentwicklung zu erreichen.

Was hingegen vermieden werden kann, ist das unüberlegte, unbeabsichtigte Produzieren von mangelhaften Texten, die den Leser im Dunkeln lassen und damit ihr kommunikatives Ziel verfehlen. Werkzeuge solche Fehler aufzudecken könnten nützlich sein.

Texte im technischen Sinne

Begriffe: [Text(im allgemeinen Sinne)] -> [Text_T, Interpretation, Schreiben, Lesen, linearisierbar, Vorstellung]

Begriff Text

Der Begriff Text wird hier in einem sehr engen Sinn verwendet; unter Text wird ausschliesslich die Repräsentation als Kette von Buchstaben verstanden ohne jede Interpretation und unabhängig vom Leser.

Es wird allenfalls angenommen, dass ein Text in Wörter und Sätze geteilt werden kann, was aber streng genommen bereits eine Interpretation ist, die zum Text ein zusätzliches Wissen zufügt - nämlich eine Verständnis der Sprache, in der der Text geschrieben ist und wie diese Sprache Wörter und Sätze abtrennt. In den allermeisten Fällen, besonders bei allen Texten, die in einer einzigen Sprache abgefasst sind, ergibt sich aus dieser Annahme keine Einschränkung der Allgemeinheit der Folgerungen und ist deshalb unerheblich.

Ontologie eines Textes

Der ontologische Status eines Texts - nicht nur eines literarischen Textes, sondern beliebiger Texte, Musik etc. - ist unklar. Offensichtlich ist, dass neben einem physischen Objekt, z.B. ein gedrucktes Buch, ein abstraktes Objekt, nämlich der Inhalt existiert, das nicht verschwindet, wenn eine Kopie zerstört wird [@sanfilippo2021ontologies]

Ich konzentriere mich auf den Inhalt, der in verschiedener Form als Text existieren kann. Eine genauere Bestimmung der Ontologie eines Textes scheint mir für die Diskussion des Textes, bzw. des Verständnis des Textes bei einem Leser nicht erheblich.9

Text als lineare Kette von Zeichen

Text wird hier eingeschränkt auf linearisierbare Ketten von Wörtern, die sich aus Buchstaben zusammensetzen lassen; das entspricht auch der Vorstellung einer Erzählung als lineares Sprechereignis, d.h. was eine Person in einem Zeitintervall produziert. Ausgeschlossen werden Texte, die nicht linearisierbar sind, sondern z.B. in zwei parallelen Strängen produziert oder dargestellt werden. 10

Ebenfalls nicht unter den hier eingeschränkten Begriff des Textes fallen Hyper-Texte, die sich aus einzelnen Textteilen zusammensetzen, die vom Leser in einer von ihm gewünschten Reihenfolge gelesen werden.

Was lässt sich an einem Text objektiv beobachten

Die hier verwendete, sehr enge Definition von Text wird verständlicher, wenn überlegt wird, welche objektive Eigenschaften ein Text -- unabhängig vom Leser -- hat.

Objektiv, ohne menschlichen Leser, lässt sich die Länge eines Textes in Zeichen feststellen 11. Mit konventionellen Regeln über die Gliederung in Wörtern - für die viele verschieden, oft sprachabhängige Regeln angenommen werden können. - kann auch die Anzahl von Wörtern, Anzahl unterschiedlicher Wortformen etc. festgestellt werden.. Mit noch weitergehenden Annahmen über Grundformen von Wörtern (lemmata) sind weitergehende Ergebnisse der Stil-Analyse [@holmes1985analysis] möglich.

Eigentlich sind diese Messungen nur mit Annahmen gültig und diese Annahmen bilden einen standardisierten Leser ab, der den Text in Wörter und diese als Flexionsformen des Grundwortes erkennt. Dazu folgt im zweiten Teil ein Versuch, einen standardLeser zu definieren.

Schreiben und Lesen eines Textes

Menschen lesen Texte und verstehen deren Inhalt. Ein Text beginnt mit einer Vorstellugen des Inhaltes im Kopf (Geist, Vorstellungswelt) eines Menschen. Der Schreiber bringt diese Vorstellung mit Hilfe von Sprache in eine Textform, die als Text eine physische Repräsentation hat; die gedankliche Vorstellung im Kopf ist wohl ebenfalls in Neuronen materiell realisiert, aber die Kodierung ist unbekannt und damit der Inhalt einer objektiven Analyse nicht zugänglich. Der Inhalt einer Vorstellung wird erst nach der externen Repräsentation als Text oder Sprache zugänglich.

Der Text wird von einem andern Menschen gelesen und verstanden, was bedeutet, dass der Leser sich eine gedankliche Vorstellung vom Inhalt macht. Diese Vorstellung des Inhaltes stimmt nicht notwendigerweise mit der Vorstellung des Schreibenden überein.

Verschiedene Leser gehen mit unterschiedlichem Vorwissen an das Lesen eines Textes heran. Aus dem unterschiedlichen Wissen der Leser ergeben sich bei jedem Leser andere Vorstellungen, die bei einem vernünftigen Text zumindest im Groben übereinstimmen.

Hat der Schreibende keine klare Vorstellung, die er ausdrücken will order verletzt er (absichtlich oder unabsichtlich) die Regeln der Sprache grob, so wird das Verständnis durch den Leser behindert und bei verschiedenen Lesers entstehen vage, weitgehend unbestimmte Vorstellungen über den Inhalt, die zwischen Lesern nur wenig übereinstimmen. Das kann künstlerische Absicht sein, um den Leser zu verunsichern; der Aspekt wird hier nicht weiter verfolgt.


  1. Franz Kafka: Briefe an Felice, S. 156[@kafka1967briefe].↩︎

  2. Die erwähnte "kleine Geschichte" ist "Das Urteil", das Kafka "Felice B" widmet.↩︎

  3. In anderen Wissensgebieten wird z.B. unter "innerer Genauigkeit" die Genauigkeit einer Menge von sich kontrollierenden Messungen verstanden; "äussere Genauigkeit" meint dann die Genauigkeit der gleichen Messungen, wenn sie mit vorher bekannten Angaben verbunden sind.↩︎

  4. Diskussionsbeitrag 6. Sept. 2021↩︎

  5. Ich habe dazu einen [Entwurf] (/home/frank/Desktop/myHomepage/Drafts/algInterpreationMexico6shortCI.pdf) zu einem Artikel der nie publiziert wurde.↩︎

  6. Als kleines Buch bei Amazon bestellbar: ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8638878153 André Frank. Ontologie und Literatur: Texte um 1967 (Gerastree Editions, Band 3)↩︎

  7. /home/frank/Desktop/myHomepage/Drafts/algInterpreationMexico6shortCI.pdf. ↩︎

  8. Eine praktische Prüfung eines kleinen Aspektes von Konsistenz in einem Text -- auch für Texte ohne literarische Ansprüche -- ist die Anforderung, dass Begriffe vor der Verwendung eingeführt werden. Eine vernünftige Reihung von Kapiteln in einem Text sollte dies erreichen. Zum Testen habe ich am Anfang jedes Kapitels (nach der Motivation und Zielbeschreibung) angegeben, welche Begriffe vorausgesetzt und welche eingeführt werden. Die Kapitel sollten so angeordnet sein, dass kein späteres Kapitel ein Begriff verlangt, der nicht vorher geliefert wurde, was damit vom Leser geprüft werden kann.↩︎

  9. Wichtig: im folgenden wird die Ontologie, die in einem Text zugrunde liegt, diskutiert; es ist offensichtlich, dass ein Märchen eine von der üblichen, täglich erlebten Ontologie abweichende ontological committments hat. Diese Diskussion ist vom ontologischen Status des Textes oder des Inhaltes unberührt.↩︎

  10. Beispiel: Zettels Traum, der in drei Spalten geschrieben wurde und nicht in ein lineares Format gebracht werden kann; die mittlere Spalte stellt eine lineare Handlung dar, die beiden andern Spalten enthalten zusätzliches Material und Hinweise.↩︎

  11. Konventionen über die kanonische Darstellung von zusammengesetzten Zeichen sind dazu notwendig; ist ein Umlaut ä ein Zeichen oder aus zwei Zeichen, nämlich "¨" (Trema) und "a" zusammengesetzt? Ähnliches gilt für Ligaturen.↩︎

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